relipuls · Lehrer:innenblatt

Schöpfungsverantwortung im demokratischen Diskurs

Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien

LeitfrageUnd gleichzeitig weiß ich: Sobald eine Kirche vor einer Partei warnt, sobald ein Pastor im Gottesdienst zur Demo aufruft, wird es kompliziert. Nicht weil es falsch wäre. Sondern weil es in einer pluralen Demokratie Menschen gibt, die sich dann fragen: Gehöre ich noch dazu?

Podcast Einführender Podcast für Lehrkräfte Ein Beitrag von unseren virtuellen Kolleg:innen aus NotebookLM

Virtuelle Kolleg:innen aus NotebookLM im Gespräch über diesen Unterrichtsimpuls

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Religion / Ethik · Sek I · 45 Min.

Datum: 16. Mai 2026 | Lesezeit: ca. 5 Minuten
Es war ein Montag, Zweistunde, und der Chat eine Klasse hatte das Wochenende nicht überlebt.
Jemand hatte einen Aufruf zur Klima-Demo geteilt – mit dem Zusatz, ihre Kirchengemeinde gehe als Gruppe. Daraus war über Nacht ein kleiner Krieg geworden: Smileys, Capslock, zwei Austritte aus der Gruppe. Als ich das Handy weggelegt hatte, saß ich noch eine Weile einfach da.

Was mich beschäftigt, ist nicht der Streit selbst. Jugendliche streiten. Was mich beschäftigt, ist die Frage dahinter, die keiner von ihnen laut gestellt hat: _Wie weit darf man seinen Glauben in die Politik tragen?_ Und wer entscheidet das?

Ich merke, dass ich als Lehrkraft in diesem Moment nicht neutral bin. Ich habe selbst eine Meinung. Ich finde es richtig, dass Religionen sich zur Welt verhalten – nicht trotz, sondern wegen ihrer Texte. Wenn Genesis 2 vom „Bebauen und Bewahren" spricht, wenn Sure 6:165 den Menschen als Statthalter auf Erden beschreibt, wenn Tikkun Olam zur Reparatur der Welt verpflichtet – dann sind das keine Rückzugsformeln ins Private. Das sind Handlungsaufträge.

Und gleichzeitig weiß ich: Sobald eine Kirche vor einer Partei warnt, sobald ein Pastor im Gottesdienst zur Demo aufruft, wird es kompliziert. Nicht weil es falsch wäre. Sondern weil es in einer pluralen Demokratie Menschen gibt, die sich dann fragen: _Gehöre ich noch dazu?_

Religiöse Überzeugung und politischer Zusammenhalt sollten kein Widerspruch sein, sondern eine spürbare Herausforderung die nach gemeinsamen Antworten fragt. Dieser Impuls ist mein Versuch, diesen Moment aus dem Chat in den Unterricht zu holen. Nicht um ihn aufzulösen. Sondern um ihn aushaltbar zu machen – und fruchtbar.

Amina (Virtuelle Religionslehrerin)

Tagesziel

Lernprodukte

Vorbereitung

  • Materialien M1, M2, M3, M4, M5 kopieren oder digital bereitstellen
  • Tafel- oder Folienimpuls mit Leitfrage vorbereiten
  • ggf. Gruppen- oder Partnerbildung vorstrukturieren

Stundenbogen

  1. 1Einstieg
  2. 2Raum der Resonanz: Wo stehe ich?
  3. 3Die Welt als Auftrag (A-Teil)
  4. 4Der Spannungspunkt: Werte vs. Parteipolitik (B-Teil)
  5. 5Antwort an den Chat: Wie wollen wir zusammenleben?

Didaktische Hinweise

Didaktische Intention

Kompetenzerwartungen

Konfliktlinien zwischen religiöser Überzeugung und demokratischer Neutralität in digitalen Diskursen identifizieren.
Religiöse Begründungslogiken für Weltverantwortung von parteipolitischen Interessen unterscheiden.
Eine begründete Chat-Regel formulieren, die religiöse Identität und demokratischen Konsens miteinander verbindet.
Eigene Standpunkte in einem Spannungsfeld reflektiert vertreten und kritisch hinterfragen.

Lehrkraft-Spickzettel

  • Der Streit im Chat: Religion und Demo? (7 Min.) · M1 Lehrkraft: Projiziert den Chatverlauf an die Wand und bittet um eine erste, wertfreie Beschreibung der Situation
  • Raum der Resonanz: Wo stehe ich? (8 Min.) · M2 Lehrkraft: Liest den Resonanzsatz vor, bittet um lautlose Positionierung, gibt dann reihum das Wort für je einen Satz ohne Erwiderung
  • Die Welt als Auftrag (A-Teil) (10 Min.) · M3 Lehrkraft: Legt die Begründungskarten in die Mitte, erläutert kurz die Aufgabe und moderiert den anschließenden Vergleich der unterschiedlichen Begründungslogiken
  • Der Spannungspunkt: Werte vs. Parteipolitik (B-Teil) (10 Min.) · M4 Lehrkraft: Teilt die Fallkarte aus, begleitet die Diskussion in den Gruppen und sammelt die zentralen Argumente für das abschließende Urteil an der Tafel
  • Antwort an den Chat: Wie wollen wir zusammenleben? (10 Min.) · M5 Lehrkraft: Sammelt die erarbeiteten Chat-Regeln im Plenum, verdichtet gemeinsame Grundsätze und leitet das abschließende Blitzlicht an

Differenzierung: Unterstützung

  • Zu M3 (Theologie): Statt Begriffe frei zu vergleichen, ein Matching-Worksheet bereitstellen, auf dem die theologischen Begriffe (z.B. Khalifa, Tikkun Olam) mit Alltagsaussagen (z.B. „Wir sind nur Verwalter, nicht Besitzer der Erde") durch Linien verbunden werden können.
  • Zu M5 (Chat-Antwort): Bereitstellung eines Wortspeichers (z.B. Menschenwürde, Neutralitätsgebot, Ausgrenzung, Zivilcourage, Privatmeinung) und kleinschrittigerer Satzanfänge.

Differenzierung: Erweiterung

  • Den Kern des Arguments aus dem Eule-Artikel von Carlotta Israel analysieren – sie argumentiert sinngemäß, wer kirchliche Warnungen vor der AfD als zu drastisch empfinde, spreche aus einer Position heraus, die eigene Nichtbetroffenheit mit Neutralität verwechsle. Wie wirkt sich dieses Argument auf die Debatte um kirchliche Neutralität aus? Wer hat hier das Recht, „Neutralität" einzufordern?

Praxistipps

Beim „Raum der Resonanz" darauf achten, dass die Positionierung im Raum nicht als Abstimmung über die eigene Identität, sondern als Testlauf für Argumente verstanden wird. Die Positionierung soll _lautlos_ erfolgen; erst danach kann jede Person _einen_ Satz zur eigenen Position sagen, ohne dass andere unmittelbar darauf reagieren. So bleibt der Moment der Stille und die visuelle Verteilung im Raum als Erfahrung bestehen und mündet nicht in eine vorzeitige Debatte.
Die Stunde ist zeitlich knapp kalkuliert. Falls nötig, die Einzelarbeit in Phase 5 durch ein gemeinsames Formulieren im Plenum ersetzen.

Unterrichtsverlauf

Tabellarischer Ablauf

Phase Zeit Verlauf / Lehrkraft Sozialform MAT
Einstieg 7 Min.

Rahmen: 7 Min. Sozialform: Plenum

Chat-Szene lesen → Konfliktpunkte markieren → Problemstellung benennen Lehrkraft: Projiziert den Chatverlauf an die Wand und bittet um eine erste, wertfreie Beschreibung der Situation Ergebnis: Eine benannte Problemstellung zur Rolle von Religion in politischen Debatten. Hinweis: Keine inhaltliche Bewertung vornehmen, sondern die unterschiedlichen Positionen im Chat nur sichtbar machen
Plenum M1
Raum der Resonanz: Wo stehe ich? 8 Min.

Rahmen: 8 Min. Sozialform: Bewegung im Raum

Resonanzsatz hören → eigene Position zwischen den Polen im Raum einnehmen (lautlos) → je einen Satz zur Position sagen → Verteilung in der Lerngruppe wahrnehmen Lehrkraft: Liest den Resonanzsatz vor, bittet um lautlose Positionierung, gibt dann reihum das Wort für je einen Satz ohne Erwiderung Ergebnis: Ein im Raum sichtbares Soziogramm der Lerngruppe zur Frage der politischen Einmischung von Religionen. Hinweis: Nach den Einzelsätzen keine Debatte zulassen; den Moment der räumlichen Verteilung als Erfahrung stehen lassen
Bewegung im Raum M2
Die Welt als Auftrag (A-Teil) 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Partnerarbeit

Begründungskarten lesen → Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Traditionen herausarbeiten → Kernmotive der Weltverantwortung benennen Lehrkraft: Legt die Begründungskarten in die Mitte, erläutert kurz die Aufgabe und moderiert den anschließenden Vergleich der unterschiedlichen Begründungslogiken Ergebnis: Eine Übersicht der verschiedenen religiösen und säkularen Begründungen für Weltverantwortung. Hinweis: Fokus auf die unterschiedlichen Binnenlogiken (z.B. Tikkun Olam vs. Khalifa) legen, nicht auf Harmonisierung
Partnerarbeit M3
Der Spannungspunkt: Werte vs. Parteipolitik (B-Teil) 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Gruppenarbeit

Fallkarte lesen → Argumente für beide Positionen im Dilemma markieren → Differenz zwischen allgemeinem Werte-Eintreten und parteipolitischer Instrumentalisierung herausarbeiten Lehrkraft: Teilt die Fallkarte aus, begleitet die Diskussion in den Gruppen und sammelt die zentralen Argumente für das abschließende Urteil an der Tafel Ergebnis: Eine Liste mit Pro- und Contra-Argumenten zur Frage der politischen Einmischung religiöser Institutionen. Hinweis: Den Fokus auf der Unterscheidung zwischen dem Eintreten für Menschenwürde (allgemein) und der konkreten Parteinahme (spezifisch) halten
Gruppenarbeit M4
Antwort an den Chat: Wie wollen wir zusammenleben? 10 Min.

Rahmen: 10 Min. Sozialform: Einzelarbeit mit anschließendem Plenum

Begründete Chat-Regel formulieren (Einzelarbeit, 5 Min.) → Regeln im Plenum sammeln und verdichten (3 Min.) → Blitzlicht: „Ein Satz, den ich heute mitnehme." (2 Min.) Kompetenzfokus: Urteilskompetenz (U), Orientierungskompetenz (O) Lehrkraft: Sammelt die erarbeiteten Chat-Regeln im Plenum, verdichtet gemeinsame Grundsätze und leitet das abschließende Blitzlicht an Ergebnis: Eine begründete, schriftlich fixierte Chat-Regel, die religiös motiviertes Engagement und die Notwendigkeit, in einer pluralen Demokratie niemanden auszuschließen, miteinander in Einklang bringt. Hinweis: Beim Blitzlicht keine Bewertung der Einzelaussagen vornehmen; die persönliche Formulierung als Abschluss stehen lassen
Einzelarbeit mit anschließendem Plenum M5

Materialien

Handouts und Arbeitsblätter

Material M1

Aufgeschnappter Chat

A: Hey Leute, unsere Kirchengemeinde nimmt am Samstag an der Demo „Bunt statt Braun" teil. Der Pastor hat gesagt, wir müssen als Christen Gesicht gegen die AfD zeigen.

B: Hä? Was hat eure Religion mit Parteipolitik zu tun? Der Pastor soll im Gottesdienst predigen, aber nicht vorschreiben, wen man wählt oder wen man doof findet.

A: Wieso? Christen stehen für Nächstenliebe und Menschenwürde ein! Wenn eine Partei Menschen ausgrenzt, müssen wir laut sein. Das ist unsere Pflicht!

C: Finde ich schwierig. Religion und Politik sollten streng getrennt sein. Sonst spaltet das doch nur die Gesellschaft – und den Chat hier.

Material M2

Pole für das Soziogramm

Pol 1: Politische Pflicht

Wenn ich an Werte glaube, MUSS ich mich öffentlich einmischen, um die Welt zu schützen.

Pol 2: Private Werte

Meine Werte sind Privatsache. In der Politik haben religiöse Gruppen nichts zu suchen.

Material M3

Begründungen für Weltverantwortung

Karte Judentum – Tikkun Olam: Die Welt reparieren. Der Mensch ist Gottes Partner, um Ungerechtigkeit zu beseitigen und die Gesellschaft menschlicher zu gestalten. (Im modernen Judentum besonders: Einsatz für soziale Gerechtigkeit als religiöse Pflicht.)

Karte Christentum – Ebenbildlichkeit & Nächstenliebe: Jeder Mensch ist Abbild Gottes (Genesis 1:26–28). Daraus ergibt sich der Auftrag, die Würde des anderen – besonders der Schwachen – aktiv zu schützen und die Erde zu „bebauen und zu bewahren" (Genesis 2:15).

Karte Islam – Khalifa (Sure 6:165): Der Mensch ist Statthalter auf Erden. Er trägt die Verantwortung, Gerechtigkeit zu wahren und das Schlechte zu verwehren.

Karte Säkular/Humanistisch – Menschenrechte & Verfassung: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir tragen die Verantwortung, die Demokratie als Basis unseres Zusammenlebens aktiv zu verteidigen.


_Auftrag: Vergleicht die vier Begründungen. Wo verpflichten alle Traditionen den Menschen zur aktiven Verantwortung? Wo unterscheiden sich die Begründungen – und macht das einen Unterschied für das Handeln?_

Material M4

Dilemma: Darf die Kirche Wahlempfehlungen geben?

Lest das Dilemma und diskutiert in eurer Gruppe: Darf eine religiöse Institution wie die Kirche vor einer bestimmten Partei warnen, um Menschen zu schützen?

Position A (Kirchenvertreter): „Wir müssen uns vor die Menschen stellen. Wenn eine Partei Menschenrechte angreift, erfordert unser Glaube, dass wir laut davor warnen."

Position B (Kritikerin): „Die Kirche muss für alle offen bleiben. Wenn sie Parteipolitik macht, spaltet sie die Gemeinde und überschreitet ihre religiöse Rolle."

Arbeitsauftrag:

  1. Unterstreicht in Position A die Stellen, an denen der Glaube als Begründung dient.
  2. Unterstreicht in Position B die Stellen, an denen es um die gesellschaftliche Rolle der Kirche geht.
  3. Überlegt gemeinsam: Wo liegt die Grenze zwischen dem Eintreten für Werte (wie Nächstenliebe oder Menschenwürde) und parteipolitischer Einmischung? Gibt es diese Grenze überhaupt – und wenn ja, wer zieht sie?

Material M5

Meine Antwort für den Chat

Überlegt euch, wie ihr auf den Streit im Chat reagieren würdet. Nutzt die folgenden Impulse, um eine faire und begründete Antwort zu formulieren.

Wichtige Gedanken für eure Antwort:

  • Der Auftrag zur Verantwortung: Viele Religionen und humanistische Überzeugungen lehren, dass Menschen eine besondere Verantwortung für Gerechtigkeit und das Zusammenleben tragen. Das motiviert dazu, sich öffentlich einzumischen.
  • Das Neutralitätsgebot: In einer Demokratie leben Menschen mit sehr unterschiedlichen Überzeugungen zusammen. Damit sich niemand ausgeschlossen fühlt, ist es wichtig, dass politische Statements niemanden ausgrenzen oder herabsetzen.

Satzstarter:

  1. Ich kann verstehen, dass religiöse Gruppen sich politisch einmischen, weil …
  2. In unserer Demokratie ist es dabei aber wichtig, dass …
  3. Meine Regel für politische Aufrufe im Chat lautet daher:

Quellen

Verlinkte Referenzen

Bildungsplan Gymnasium Sek I Hamburg – Religion 2022