relipuls · Lehrer:innenblatt
Bilder, Symbole und die Frage nach dem Menschen
Didaktisch verdichteter Unterrichtsimpuls mit Materialien
LeitfrageAuf dem Schulhof beobachte ich oft, wie hitzig über die Macht von Symbolen gestritten wird. Ein einzelnes Zeichen auf einem Hoodie oder ein kurzes Emoji-Statement scheint manchmal schwerer zu wiegen als ein langer Text. Gleichzeitig spüre ich die Unsicherheit, wenn es um digitale Räume geht, in denen Cybermobbing oder Hate Speech den Ton angeben. Wie navigieren Jugendliche durch diese visuelle Flut, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren?
Jahrgang 11/12 (Sek II)
Die Gruppe bringt ein hohes Maß an digitaler Alltagserfahrung mit Symbolen (Emojis, Icons, Memes) mit, aber oft keine reflektierte Unterscheidung zwischen privatem Symbolgebrauch und religiöser Symbolbedeutung. In dieser Stunde brauchen sie sprachliche Entlastung bei der Unterscheidung von „Identitätsmarker“ und „ethischem Appell“ sowie emotionale Entlastung, um eigene Glaubenssymbole nicht sofort als Angriffspunkt zu erleben.
Lernprodukte
Vorbereitung
- Materialien M1, M11, M2, M3, M4, M5 kopieren oder digital bereitstellen
- Tafel- oder Folienimpuls mit Leitfrage vorbereiten
- ggf. Gruppen- oder Partnerbildung vorstrukturieren
Stundenbogen
- 1Einstieg
- 2Resonanzraum: Wenn Symbole 'fremdgehen'
- 3Deutungsräume: Transzendenz, Tawhid und Kritik
- 4Strukturelle Symbolentleerung
- 5Sicherung und Transfer
Didaktische Hinweise
Didaktische Intention
- Dieses Thema ist für die Sek II jetzt relevant, weil die Lernenden täglich in sozialen Medien mit Symbolen konfrontiert werden, die zwischen Identitätsausdruck, Provokation und ethischer Botschaft changieren – und sie selbst oft nicht wissen, wie sie diese unterscheiden sollen.
- Die Lernenden sortieren konkrete Netz-Symbole in eine Übersicht, positionieren sich im Raum zu provokativen Symbolverwendungen und ordnen diese dann den Deutungsräumen Transzendenz, Tawhid und Kritik zu – sie entwickeln also eine eigene Kategorisierung, die sie später auf neue Beispiele anwenden können.
- Die Stunde führt dazu, dass die Lernenden eine begründete Haltung zur digitalen Symbolentwertung formulieren können – eine Fähigkeit, die sie außerhalb des Klassenraums befähigt, in Diskussionen um religiöse Symbole in sozialen Medien sachlich und differenziert Stellung zu beziehen.
Kompetenzerwartungen
Lehrkraft-Spickzettel
- Das Symbol im Netzrauschen (7 Min.) · M1 Lehrkraft: Legt die Screenshots aus und bittet um eine erste spontane Sortierung der Verwendungsweisen
- Resonanzraum: Wenn Symbole 'fremdgehen' (8 Min.) · M2 Lehrkraft: Projiziert das Bild eines religiösen Symbols in einem aggressiven Cybermobbing-Kontext und leitet durch die Stille, bevor die Positionierung im Raum angestoßen wird
- Deutungsräume: Transzendenz, Tawhid und Kritik (10 Min.) · M3 Lehrkraft: Legt die drei Kurz-Expertisen aus und bittet die Lernenden, ihre bisherigen Beobachtungen aus dem Netzrauschen mit diesen Deutungsrahmen in Bezug zu setzen
- Strukturelle Symbolentleerung (10 Min.) · M4 Lehrkraft: Legt das Analyse-Raster vor, begleitet die Einzelarbeit und moderiert den anschließenden Austausch zur Frage der medialen Entleerung
- Urteil: Symbol-Identität vs. Algorithmus (10 Min.) · M5 Lehrkraft: Sammelt die schriftlichen Positionen ein und leitet eine kurze Abschlussrunde ein, in der die Lernenden ihre Kernargumente für eine heutige Debatte kurz benennen
Differenzierung: Unterstützung
- Starte mit einer kompakten Variante fuer Jahrgang 11/12 (Sek II) und erweitere erst danach den Reflexionsanteil.
Differenzierung: Erweiterung
- Halte eine vereinfachte Leitfrage und eine vertiefende Transferfrage parallel bereit.
Praxistipps
Achten Sie bei der Raumpositionierung (Schritt 2) darauf, dass Sie bewusst eine provokative, aber nicht verletzende Symbolverwendung wählen – etwa ein Friedenssymbol, das in einem politischen Meme umgedeutet wird. So vermeiden Sie, dass Lernende mit starken persönlichen Glaubensbindungen sich angegriffen fühlen, und ermöglichen eine sachliche Distanz zur Analyse.
Unterrichtsverlauf
Tabellarischer Ablauf
| Phase | Zeit | Verlauf / Lehrkraft | Sozialform | MAT |
|---|---|---|---|---|
| Einstieg | 7 Min. | Social-Media-Screenshots betrachten → Verwendungsweisen der Symbole identifizieren → Zuordnung in 'Identitätsmarker' oder 'ethischer Appell' vornehmen Lehrkraft: Legt die Screenshots aus und bittet um eine erste spontane Sortierung der Verwendungsweisen Ergebnis: Eine sortierte Übersicht der Symbolverwendungen als Basis für die weitere Analyse. Hinweis: Die Diskussion soll nicht bei der Identifikation von Mobbing stehen bleiben, sondern auf die Funktion der Symbole in der Kommunikation fokussieren | Partnerarbeit | M1 |
| Resonanzraum: Wenn Symbole 'fremdgehen' | 8 Min. | Stumme Projektion betrachten → im Raum auf einer Achse zwischen 'völlig entfremdet' und 'neue digitale Relevanz' positionieren → in Stille verweilen → spontane Resonanzäußerung äußern Lehrkraft: Projiziert das Bild eines religiösen Symbols in einem aggressiven Cybermobbing-Kontext und leitet durch die Stille, bevor die Positionierung im Raum angestoßen wird Ergebnis: Eine im Raum verortete Positionierung als Ausgangspunkt für die anschließende Deutung. Hinweis: Die Stille nach der Positionierung dient dem Aushalten der Spannung zwischen Symbolbedeutung und digitaler Entwertung | Plenum (Raumaufstellung) | M2 |
| Deutungsräume: Transzendenz, Tawhid und Kritik | 10 Min. | Kurz-Expertisen lesen → Beobachtungen aus dem Netzrauschen den Deutungsräumen zuordnen → Reibungspunkte zwischen religiöser Tiefe und medialer Instrumentalisierung mündlich austauschen Lehrkraft: Legt die drei Kurz-Expertisen aus und bittet die Lernenden, ihre bisherigen Beobachtungen aus dem Netzrauschen mit diesen Deutungsrahmen in Bezug zu setzen Ergebnis: Eine begründete Zuordnung der Netz-Symbole zu den drei Deutungsräumen. Hinweis: Die Lernenden sollen nicht harmonisieren, sondern die spezifische Spannung zwischen dem religiösen Anspruch und der digitalen Form benennen | Gruppenarbeit | M3 |
| Strukturelle Symbolentleerung | 10 Min. | Design-Regeln von Steinfeld auf das Symbol-Icon anwenden → Verlust an religiöser Tiefe durch digitale Reduktion prüfen → These zur technischen Transportierbarkeit religiöser Botschaften formulieren Lehrkraft: Legt das Analyse-Raster vor, begleitet die Einzelarbeit und moderiert den anschließenden Austausch zur Frage der medialen Entleerung Ergebnis: Eine begründete These zur Frage, ob digitale Medien religiöse Symbole zwangsläufig zur Marke entwerten. Hinweis: Fokus auf die technische Unmöglichkeit der Abbildung von Transzendenz in reduzierten Icons legen | Einzelarbeit mit anschließender Diskussion | M4 |
| Sicherung und Transfer | 10 Min. | Eigene These zur digitalen Symbolverwendung formulieren → Unterscheidung zwischen Identitätsmarker und ethischem Appell anwenden → Urteil zur Entwertungsthese begründen Lehrkraft: Sammelt die schriftlichen Positionen ein und leitet eine kurze Abschlussrunde ein, in der die Lernenden ihre Kernargumente für eine heutige Debatte kurz benennen Ergebnis: Eine schriftlich fixierte, begründete Position zur Frage der digitalen Symbolentwertung. Hinweis: Fokus auf die Differenzierung zwischen Symbol als Identitätsmarker (Abgrenzung) und als ethischer Appell (Kommunikation) | Einzelarbeit | M5 |
Materialien
Handouts und Arbeitsblätter
Material M1
Netzrauschen
Bild 1: Kommentar mit Kreuz-Emoji
Ein Screenshot zeigt einen Kommentar unter einem politischen Post. Das Kreuz-Emoji wird genutzt, um eine Gruppe als 'fremd' oder 'nicht zugehörig' zu markieren.
Bild 2: Profilbild mit Kalligrafie
Ein Screenshot zeigt ein Profilbild mit einem kalligrafischen Schriftzug. Der Post spricht sich gegen Diskriminierung aus.
Bild 3: Kommentar mit Kreuz-Emoji
Ein Screenshot zeigt einen Post in einer hitzigen Online-Debatte. Das Kreuz-Emoji wird als Zeichen für die eigene ethische Haltung gegen Ausgrenzung eingesetzt.
Bild 4: Kommentar mit Kalligrafie
Ein Screenshot zeigt einen Kommentar unter einem Video. Der kalligrafische Schriftzug wird als Provokation genutzt, um eine religiöse Identität aggressiv abzugrenzen.
Material M11
Alternative Bildkarten

Material M2
Bildimpuls: Das Symbol im digitalen Konflikt

Material M3
Deutungsräume
Eure Aufgabe:
1. Lest die drei Kurz-Expertisen zu den Deutungsräumen.
2. Sucht aus euren Notizen zum Netzrauschen (M1) ein Symbol oder einen Kommentar heraus, der zu jedem Deutungsraum passt.
3. Notiert zu jedem Deutungsraum einen Satz, der die Spannung zwischen dem religiösen Anspruch und der digitalen Nutzung beschreibt.
Kurz-Expertisen:
1. Christliche Perspektive: Das Symbol als Verweis auf das Leiden
Das Kreuz erinnert an das Leiden und die Hingabe. Es ist ein Zeichen der Solidarität mit den Leidenden. Wird es als Waffe oder zur Ausgrenzung genutzt, verliert es seine religiöse Tiefe und wird zum bloßen Identitätsmarker.
2. Islamische Perspektive: Die Einheit Gottes (Tawhid) durch Kalligrafie
Die Kalligrafie verweist auf die Einzigartigkeit Gottes. Gott ist mit nichts vergleichbar (Sure 42:11). Symbole und Schriftzüge sind Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit, keine Abbilder. Sie für menschliche Streitkultur zu instrumentalisieren, widerspricht ihrer heiligen Bestimmung.
3. Säkular-kritische Perspektive: Machtkritik an der Verfügbarkeit
In digitalen Netzwerken werden Symbole zu Icons reduziert. Diese totale Verfügbarkeit entleert die ursprüngliche Bedeutung. Die Kritik richtet sich gegen die Instrumentalisierung von Zeichen für die Aufmerksamkeitsökonomie, in der Symbole nur noch als 'Marken' für Zugehörigkeit oder Abgrenzung dienen.
Material M4
Analyse-Raster: Design-Logik vs. Symboltiefe

Design-Regel nach C. Steinfeld: "Weniger ist mehr. Reduktion auf das Wesentliche schafft Klarheit und Wiedererkennung."
Vergleicht diese beiden Symbole:
| Traditionelles Symbol | Digitales Icon |
|---|---|
| ✟ (Kreuz) | ✝️ (Emoji-Kreuz) |
| 🕊️ (Taube) | 🕊️ (Emoji-Taube) |
| 🕎 (Menora) | 🕎 (Emoji-Menora) |
Eure Aufgabe:
1. Betrachtet beide Symbole genau.
2. Analysiert: Welche Bedeutungsebenen gehen durch die „Reduktion auf das Wesentliche“ verloren? Was fehlt dem digitalen Icon im Vergleich zum traditionellen Symbol?
3. Formuliert eine These: Kann ein digitales Icon noch als Verweis auf das Heilige (Transzendenz) dienen oder wird es technisch zwangsläufig zur bloßen Marke?
Material M5
Urteils-Leitfaden
Deine Aufgabe: Formuliere eine begründete Antwort auf die Frage:
Ist die digitale Verwendung religiöser Symbole ein notwendiges Übel der modernen Teilhabe oder eine strukturelle Entleerung, die religiöse Identitäten gefährdet?
Rückblick – deine bisherigen Erkenntnisse:
| Schritt | Deine wichtigste Erkenntnis |
|---|---|
| Symbole im Alltag | Welches Symbol hast du untersucht? Welche Bedeutung hatte es ursprünglich? |
| Bilderverbot | Was sagt die Tradition (z. B. Exodus 20, Sure 42) zum Umgang mit Bildern? |
| Digitale Nutzung | Wie wird dein Symbol heute im Netz verwendet (z. B. als Emoji, Profilbild, Filter)? |
| Deine Einschätzung | Was spricht für, was gegen die digitale Nutzung? |
Schreibe dein Urteil (ca. 100–150 Wörter). Nutze dafür diese zwei Unterscheidungen:
- Identitätsmarker vs. ethischer Appell: Dient das Symbol in deinem Beispiel der Kommunikation eines Wertes (Appell) oder der bloßen Abgrenzung gegenüber anderen (Identitätsmarker)?
- Die Rolle des Mediums: Führt die digitale Reduktion (das „Icon-Design“) zwangsläufig zur Entwertung des Religiösen, oder kann sie neue Räume für ethische Debatten öffnen?
Begründe deine Entscheidung.
Quellen
Verlinkte Referenzen
Hier sind die Links zum Mit-Entdecken:
Visuelle Sprache als Brücke
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In Formen und Farben (medienzentralen.de)
Die Grafikdesignerin Cornelia Steinfeld zeigt, wie moderne Designregeln helfen können, biblische Bildsprache neu zu erschließen.
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Online-Game zum Thema Cybermobbing, Queerfeindlichkeit und Sexismus jetzt verfügbar (klicksafe.de)
Das Online-Game von Klicksafe dient als Ankerpunkt für die ethische Diskussion über Mobbing und digitale Verantwortung.
Netzrauschen
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Warum ist Medienvielfalt in einer Demokratie wichtig? (hanisauland.de)
Ein hilfreicher Beitrag von hanisauland zur Bedeutung von Medienvielfalt in der Demokratie.